Stefan Onischke: Altersgerechtes Wohnen - Vorschläge zum Umbau bestehender Wohnungen

20.12.2006

Der Original - Artikel unseres Netzwerk - Partners Stefan Onischke erschien in der "Bayerische Hausbesitzer Zeitung" 12/2006

Das kleine Mädchen hat Glück gehabt. Weil sie im Jahr 2004 geboren wurde, wird sie nach Erwartungen der Statistiker ein Lebensalter von 81,5 erreichen. Hätte sie vor ca. 130 Jahren im Deutschen Reich das Licht der Welt erblickt, wäre sie wahrscheinlich nur 38,5 Jahre alt geworden. Die durchschnittliche Lebenserwartung für Frauen hat sich in diesem Zeitraum also mehr als verdoppelt. Die etwas geringere Lebenserwartung der Männer ist natürlich – besonders für die Männer - bedauerlich, ändert aber nichts an dem umfassenden Wandel, den unsere Gesellschaft gerade vollzieht.


So wird bereits im Jahr 2040 jeder zweite Deutsche über 65 Jahre alt sein, das Max-Plank-Institut hält für das Jahr 2050 eine Lebenserwartung von 90 Jahren im Durchschnitt für wahrscheinlich und eine Trendwende ist derzeit nicht absehbar. Wer 2150 zur Welt kommt könnte sich demnach auf ein statistisches Lebensalter von ungefähr 125 Jahren freuen.


Die Richtigkeit dieser fernen Prognosen werden wir nicht mehr selbst überprüfen. Die Realität des demografischen Wandels hat uns jedoch schon heute erreicht. In einigen Bereichen sogar schmerzlich. Die Probleme der Finanzierung unseres Gesundheitswesens, die fragliche Sicherheit unseres derzeitigen Rentensystems. Das sind Themen, bei denen wir heute die Änderungen der neuen Altersstruktur vor Augen geführt bekommen.


Natürlich wirkt sich die Verschiebung im Altersaufbau der Gesellschaft zunehmend auch auf die Anforderungen an das Wohnen aus. Der überwiegende Anteil der Senioren wünscht sich, so lange wie möglich in der eigenen Wohnung im gewohnten Umfeld ein selbstbestimmtes Leben zu führen. Leider entsprechen die wenigsten vorhandenen Wohnungen den Bedürfnissen älterer Bewohner. In vielen Fällen lassen sich jedoch durch Berücksichtigung dieser Aspekte bereits im Zuge von Instandhaltungsarbeiten und kleiner Sanierungen die Anforderungen erfüllen, die den Alltag der zunehmend älteren Bewohner erleichtern. Der Abbau von Barrieren kann so bei guter Planung als Nebeneffekt oft ganz einfach erreicht werden.


Bemerkenswert ist in diesem Zusammenhang, dass auch Kinder von diesen Planungsansätzen profitieren, ebenso alle Personen, die mit Kinderwägen oder Kleinkindern unterwegs sind. Und wer auch nur einmal kurzfristig wegen einer Verletzung gehbehindert oder auf Krücken angewiesen war, wird sich über sehr viele unüberlegte Details geärgert haben, die ihm seinen Alltag unnötig erschwert haben.


Naturgemäß können hier verbal und ganz allgemein nur Anregungen und hoffentlich auch Denkanstöße gegeben werden, erst eine detaillierte Untersuchung, Planung und Beratung durch einen qualifizierten Architekten kann ergeben, welche bauliche Maßnahmen ohne Mehraufwand berücksichtigt werden können. So hat die Erfahrung gezeigt, dass sich barrierefreie Wohnungen (nach DIN 18025 Teil 2) mit heute üblichen Wohnungsgrößen verwirklichen lassen, ohne dass dadurch Mehrkosten ausgelöst würden.
Eine barrierefreie Wohnung, die auch vollständig für Rollstuhlfahrer geeignet ist(DIN 18025 Teil 1), lässt sich im Bestand schwerer nachträglich herstellen. Die Prüfung im Einzelfall gibt hierüber genaueren Aufschluss.


Im Folgenden werde ich auf einige Aspekte eingehen, in der Hoffnung, der Leserschaft Anregungen zu geben, diese Themenbereiche bei künftigen Maßnahmen auf ihre Alterstauglichkeit hin zu untersuchen und nach Möglichkeit zu verbessern. Hierdurch lässt sich eine Immobilie nachhaltig fit machen für den bereits begonnenen demografischen Wandel.

Sehen Sie sich doch einmal folgende Punkte an:

• Wohnumfeld
• Erschließung
• Wohnräume allgemein
• Sanitärräume
• Küchen
• Installationen
• Türen

Wohnumfeld
Die Gemeinden haben beispielsweise im Bezug auf Randsteinabsenkungen an Gehwegen, taktile Hilfen (z.B. ertastbare Belagswechsel), Niederflurbusse, Fußgängerampeln mit akustischen Signalen zumindest teilweise einen Anfang gemacht, Schwellen im Wohnumfeld für ältere Menschen zu reduzieren. Sie bleiben jedoch weiter aufgefordert, diese Tendenz fortzusetzen.
Auch wenn der Hausbesitzer hierauf üblicherweise keinen Einfluss hat, sollte er im Vorfeld prüfen, ob die Lage seiner Immobilie überhaupt für eine barrierefreie Ausstattung seiner Wohnung geeignet ist. Aspekte wie die Erreichbarkeit von öffentlichen Verkehrsmitteln, der Versorgung mit Dingen des täglichen Bedarfes, Einkaufsmöglichkeiten, Ärzte, Apotheken, kulturelle Einrichtungen, Kirchen, Gaststätten, Cafés, etc. kommen hier zum Beispiel auf den Prüfstand.
In einem ungeeigneten Quartier wird eine Altersgerechte Wohnung ein Fremdkörper bleiben.

Erschließung
Möglichst nahe am Hauszugang sollten PKW-Stellplätze errichtet und für ältere Menschen freigehalten werden. Diese Stellplätze erleichtern das Ein- und Aussteigen erheblich, wenn sie nicht nach Minimalmaßen hergestellt werden, sondern etwas großzügiger angelegt werden. Wenn sich die zusätzlich benötigte Bewegungsfläche 2 Stellplätze „teilen“, so benötigt man für diese beiden Stellplätze 5,50m statt 5,00m Breite, also gerade einmal 50cm mehr als sonst.
Der Zugang zum Haus muss vom öffentlichen Fußwegenetz und den PKW Stellplätzen barrierefrei angelegt werden. Die befestigten Flächen des Zuganges müssen gut einsehbar, gut beleuchtet und rutschfest ausgeführt sein. Alle Flächen dürfen nur schwach geneigt sein.
An einen schwellenlosen Hauszugang schließt idealer weise die Wohnebene direkt ohne Treppenstufen an. Flach geneigte Rampen oder ein Podestlift können helfen, vorhandene Stufen zu überwinden.
Die Nutzung einer Treppe wird wesentlich erleichtert, wenn beidseitig durchlaufende Handläufe angebracht werden. Gewendelte Treppenstufen werden möglichst vermieden, die Treppenstufen rutschsicher, kontrastreich und ohne Überstand ausgeführt. Treppenanfang und – ende werden im Bodenbelag und im Handlauf noch einmal besonders ausgebildet, damit Anfang und Ende der Treppe mit allen Sinnen wahrgenommen werden können.
Für die Nutzung durch einen Rollstuhlfahrer muss eine Aufzugskabine eine Mindestfläche von 1,10m Breite und 1,40m Tiefe aufweisen. Ein spezielles Bedien - Feld in der Höhe von 85cm wird kombiniert mit akustischen und optischen Signalen. Vor der Fahrschachttüre wird eine Bewegungsfläche von 1,50m x 1,50m benötigt.

Wohnräume allgemein
Die Wohn- und Schlafräume sollten für altersgerechtes Wohnen möglichst nicht allzu beengt sein. So muss zum Beispiel die Bewegungsfläche vor Möbeln mindestens 90cm tief sein, was aber häufig auch im Bestand mit durchdachten Einrichtungen erreicht werden kann.
Für Wohnungen, die nach der Sanierung für Rollstuhlfahrer geeignet sein sollen, ist wegen den vergrößerten Bewegungsflächen mit einem leicht erhöhten Flächenbedarf zu kalkulieren. In der Regel beträgt der Mehrbedarf bis zu 15 % der Fläche, der in großzügigen Bestands-Wohnungen unter Umständen schon vorhanden ist und nur sinnvoll neu genutzt werden muss.
Bei den Fenstern sollte man daran denken, die Fenstergriffe so anzubringen, dass sie vom Sitzen aus erreicht werden können. Bodentiefe Verglasungen erleichtern den Ausblick ins Freie und verbessern ganz erheblich die Perspektive, die man hat, wenn man zum Beispiel im Lehnstuhl sitzt.
Wenn in der Wohnung eine Abstellkammer eingerichtet werden kann, so muss sie ausreichend Bewegungsfläche bieten, stellt aber dann eine wichtige Hilfe im Alltag dar.

Sanitärräume
In WC und Bad gibt es sehr vielfältige Hilfen, die beim Umbau einer „Normal-Wohnung“ in eine altersgerechte eingesetzt werden können und müssen. Eine pauschale Zusammenfassung ist hier im Text leider nicht möglich. Eine genaue Untersuchung der vorhandenen Situation, des Bedarfes und der räumlichen und technischen Machbarkeit ist hier unabdingbar.
Als Denkanstöße seinen hier nur kurz erwähnt: bodengleiche Dusche, unterfahrbare Waschtische und Umsetzhilfen, bzw. zusätzliche Haltegriffe. Bei den Stütz- und Hebevorrichtungen muss bedacht werden, dass die Hilfen eventuell den Handykaps angepasst werden müssen. Geeignete Ankervorrichtungen sollten deshalb bei Sanierungen im Rohbau vorgerüstet werden.
Eine Stellfläche für die Waschmaschine ist im Bad ebenfalls gut untergebracht und erspart den Bewohnern beschwerliche Wege und gefährliche Transporte in den Keller.
Die Türen dürfen nicht in die Sanitärräume aufschlagen. Einerseits wird so der Bewegungsraum im Bad nicht eingeschränkt. Andererseits kann schneller Hilfe geleistet werden, falls sich im Bad ein Unfall ereignet hat. Es kann nämlich erhebliche Schwierigkeiten bereiten, eine Badtüre zu öffnen, wenn dahinter jemand ausgerutscht ist und am Boden liegt. Die Öffnungsrichtung „nach außen“ vermeidet diese Probleme.

Küchen
Herd, Spüle und Arbeitsplatte werden nebeneinander angeordnet. Praktisch erweist sich, wenn die Arbeitsflächen Beinfreiheit gewähren und die Hauptkomponenten parallel oder über Eck angeordnet werden. Der Greifbereich einer gehbehinderten Person unterscheidet sich nicht von dem eines Rollstuhlfahrers. So ist eine Arbeitsplattenhöhe von ca. 82cm und Staufächer zwischen 40cm und 1,40m Bodenabstand für beide ideal.
Kühlschrank, Backofen und Mikrowelle sollen sich ebenfalls in diesem Greifbereich befinden.
Auszüge in Küchenschränken sind für alle Bewohner eine große Hilfe, weil man nicht in Schränke hineinkriechen muss, um den hinteren Inhalt zu sichten.

Installationen
Sämtliche Bedienelemente zum Beispiel für die Raumheizung sollen auf eine leicht erreichbare Höhe von ca. 40cm bis 80cm angeordnet werden. So kann beispielsweise auch eine frei zugängliche Steckdose auf einer Höhe von 80cm ohne lästiges Kriechen erreicht werden und somit den Alltag erleichtern.
Wenn an der Elektroinstallation Sanierungen anfallen, darf an einer Gegensprechanlage mit Türöffner nicht gespart werden. Zentrale Ausschalter erleichtern den Bewohnern darüber hinaus die Kontrolle, beim Verlassen der Wohnung auch alle Geräte zuverlässig ausgeschaltet zu haben.
Und wenn dann noch ein paar Leerrohre zusätzlich verlegt werden, können fallweise z.B. eine optische Signalisierung der Wohnungsklingel, eine Notrufanlage oder andere Komfort- oder Sicherheitssysteme nachinstalliert werden.


Türen
Schwellen im Fußboden sind möglichst zu vermeiden, falls das konstruktiv nicht möglich ist, sind sie auf maximal 2cm Höhe zu beschränken. Türen sollen – je nach Anforderung ein Durchgangsmaß von 80cm, besser von 90cm aufweisen. Lichtausschnitte in Türen müssen kontrastreich gekennzeichnet und aus bruchsicherem Material hergestellt sein, damit sie zum einen gut erkannt werden, und zum anderen keine Verletzungsgefahr darstellen.
Schiebetüren stellen gegenüber „normalen“ Drehflügel-Türen eine Erleichterung dar, wenn man mit Gehwagen oder sogar Rollstuhl unterwegs ist, da man in jeder Richtung mit dem gleichen Bewegungsablauf die Türe passiert.

Soziales Netz durch gemischte Nutzung
Gerade im Bestand kann es unter Umständen schwierig werden, wirklich alle Wohnungen eines Hauses altengerecht umzubauen, bzw. auszustatten. Meiner Meinung nach wäre es sogar erstrebenswert, bei Sanierungen gerade NICHT alle Wohnungen in Seniorenwohnungen umzunutzen. Eine gesunde Durchmischung mit familiengerechten Wohnungen, kleinen Appartements und eben auch altengerechten Wohnungen beugt einer Gettobildung vor. So kann sich eine junge Familie fallweise über eine Ersatz-Oma freuen, die dann bei entsprechender Sympathie einmal als Babysitterin auf die Kinder aufpasst. Im Gegenzug kann die Nachbarschaftshilfe für Senioren eine wertvolle Hilfe bieten. In einer solchen Hausgemeinschaft kann es für Senioren lebensrettend sein, einmal von Nachbarn vermisst zu werden.

Linkhinweis
Die oberste Baubehörde hält unter dem link http://www.stmi.bayern.de... leider hinter einigen Klicks versteckt unter --> Bauen --> Wohnungswesen --> Planung sehr anschauliche Arbeitsblätter zu DIN 18025 bereit, die dort von jedermann kostenlos als Datei abgeholt werden können. Bei Interesse genügt ein kurzes Mail an den Autor, der vollständige Link kommt schnellstmöglich als Antwort zurück.

Unter http://www.byak.de/barrierefrei gibt es weitere Informationen zum Thema „barrierefreies Bauen“, hier auf der Internetseite der Bayerischen Architektenkammer.

Architekturbüro Stefan Onischke
Post: Waldperlacher Str. 39 - 81739 München
Internet
Mail: mail@onischke.de
Telefon 089 60 600 774

Graphik

Stefan Onischke, Dipl. Ing. Arch.



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